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Hallo Mama, hallo Papa, die Zeit ist um und ich bin da.

 

Am Ende ging es doch ganz schnell. Gerade noch hab ich mich mit dem Gedanken angefreundet nun doch bis Juli in Ecuador zu bleiben, da kam die Mail vom Auswärtigen Amt, dass es die kommende Woche einen Rückholflug für Ecuadorianer aus Deutschland geben sollte, der auf dem Rückweg Plätze frei hat. Nach kurzer Beratung mit meiner Familie in Deutschland und meiner Gastfamilie in Ecuador, beschloss ich mich dann dazu, diesen Flug auch zu nehmen. Ab dem Moment waren meine Tage gezählt und mir wurde immer bewusster, dass es bald nach Hause geht. Da bin ich wieder, jetzt bereits seit zweit Wochen in Deutschland und damit auch in Quarantäne bei meinen Eltern im schönen Ullersdorf. Und sehe mich hier direkt auch wieder mit deutschen Problemen und deutschen Schlagzeilen konfrontiert. Waren es in Ecuador noch tägliche Schlagzeilen über Corona-Tote, die hoffnungslose Situation in den Krankenhäusern, Ärzte, die von ihren Vermietern auf die Straße gesetzt wurden, da diese Angst vor einer Infektion hatten oder „nur“ die fast täglichen Todesmeldungen der Freunde und Bekannten meiner Gastfamilie, so sind es hier Meldungen über Menschen, die auf die Straße gehen, um gegen Coronabeschränkungen zu demonstrieren (die ja derzeit schon im Affentempo gelockert werden) OHNE Atemschutzmasken zu tragen oder Abstandsregeln einzuhalten, Nachrichten über Verschwörungstheorien, nach denen das Coronavirus gar nicht existiere, nur eine Erfindung von den Reichen und Mächtigen wäre oder der Ablenkung und Einpferchung des Pöbels diene und sogar Meldungen von Experten, die Morddrohungen bekommen, obwohl sie nur die Dinge empfehlen, die jeder mit gesundem Menschenverstand als logisch in so einer Zeit ansehen sollte. Versteht mich bitte nicht falsch, es ist das Recht eines jeden Menschen für seine Freiheit zu kämpfen, die Einschränkung der persönlichen Rechte von Staatsseite aus ist sehr kritisch und sollte stark beobachtet werden – aber andererseits frage ich mich, ob die Deutschen bereit dazu gewesen wären, nur auf Empfehlungen zu hören. Auf Empfehlungen von Experten, wobei wir doch alle genau wissen, dass wir selbst die besten Experten sind, wie in der Klimadebatte schon zu sehen war (und ist!!). Dass da 10.000 Wissenschaftler ein Positionspapier unterschreiben, in dem sie dringende und einschneidende Maßnahmen gegen die Beschleunigung des Klimawandels empfehlen, ist uns völlig egal, solange es die paar Stimmen gibt, die unserer persönlichen und zugegebenermaßen bequemeren Meinung entsprechen. Ist ja auch irgendwie umständlich jetzt auf einmal auf die ganzen schönen Sachen verzichten zu müssen, von denen ein Großteil der Menschen in Ländern wie Ecuador sowieso nur in ihren tollsten Schwärmereien erzählen (ich habe übrigens des öfteren erzählen müssen, wie fliegen so ist – und mir wurde mit leuchtenden Augen zugehört). 

Ich trifte ab, aber ich denke ihr merkt schon, es trifft mich persönlich und es fällt mir hier schwer sachlich zu bleiben. Seit ich wieder in Deutschland bin, bin ich fast täglich fassungslos, wenn ich Nachrichten lese, höre oder sehe. Ich habe eine Pandemie-Situation erlebt, die konträrer zu der in Deutschland nicht sein könnte. Ja, auch in Ecuador gibt es inzwischen Proteste, teilweise mit Ausschreitungen (allerdings oft auch durch hartes Vorgehen der Beamten provoziert), die Situation dort war aber von vornherein eine ganz andere: Da gab es heftige Ausgangsbeschränkungen, schlimmere Einschnitte der persönlichen Freiheit habe ich noch nicht erlebt, allerdings infizierten und starben gleichzeitig auch tausende Menschen wahnsinnig schnell, ohne dass man nach vier Wochen Aislamiento (Isolation) das Gefühl hatte, es würde sich etwas verbessern. Situation hier in Deutschland: Es wurden ziemlich schnell Maßnahmen ergriffen und es kam gar nicht erst zu einer großflächigen Ausbreitung, ja viele Menschen kennen sogar kaum jemanden, der infiziert war. Da fällt es natürlich schwer, die Härte der Freiheitsbeschränkung einzusehen. Aber was ist denn da die Alternative? Ich finde übrigens den Begriff Präventionsparadoxon ganz schön, wer nicht weiß was das ist, darf das gerne mal googlen. Eine letzte Sache noch: Ich weiß, dass es hier um Minderheiten geht. Die Menschen die auf die Straße gehen, um (wieder mal) gegen irgendwas zu demonstrieren, mal gegen Flüchtlinge, mal gegen die Klimapolitik, jetzt gegen die Coronavirusmaßnahmen, in einigen Wochen vielleicht gegen die Vollziehung des körperlichen Geschlechtsaktes und für eine Befruchtung rein im Reagenzglas… wer weiß? Aber es reicht auch nur eine Person, die jemandem eine Morddrohung schickt, es braucht normalerweise auch nur eine Person, um Diese dann auch wahr werden zu lassen. Ich sage nicht, dass ich ein Engel und komplett mit allen Sachen einverstanden bin die so abgehen – im Gegenteil. Aber wenn ich in der Zeitung einen Artikel über Demonstrationen lese, in dem steht, dass die Aufforderung der Polizei, sich an die Abstandsregeln zu halten und einen Mundschutz zu tragen mit Gelächter abgetan wurde, dann zweifle ich ernsthaft daran, dass alleine Corona-EMPFEHLUNGEN Deutschland gut getan hätten. Und ich habe Sorge, dass sich Deutschland zu einem Land entwickelt, in dem man wöchentlich für irgendwelche Demos auf die Straße geht, einfach nur um zu demonstrieren, einfach nur um dagegen zu sein, vielleicht um das Gefühl zu haben, einer Meinung mit anderen Menschen zu sein, sich bestätigt zu fühlen und nicht darüber nachdenken zu müssen, was auf griechischen Flüchtlingsinseln, in kambodschanischen Textilfabriken, in nigerianischen Bergbauten – oder halt im Fleischereibetrieb um die Ecke passiert. So, das musste wohl dann mal raus, ich habe jetzt aber auch fertig. Sicherlich gibts auch wieder hundert Sachen in dem Text, über die man sich jetzt stark streiten kann, ich würde das ganz gerne aber einfach nur so hier stehen lassen, das war mir wichtig.

An alle, die bis hierhin nur überflogen haben: Ich hab das nicht ohne Grund geschrieben, also überlegt euch, ob ihr jetzt hier weiterlesen oder lieber nochmal zum Anfang des Textes zurückkehren wollt 😉 Meine letzten Wochen in Playas wurden immer weniger aufregend. Konnte ich am Anfang wenigstens noch zum surfen oder joggen an den Strand gehen, war das am Ende nicht mehr möglich, da das Militär und die Polizei ihrer Aufgabe, den Strand von Leuten zu säubern, sehr pflichtbewusst nachkamen. Selbst ein Spaziergang alleine wurde nicht geduldet (das sind Maßnahmen, über die man sich meiner Meinung nach gerne streiten kann). Das finde ich tragisch, da die Menschen so schon ab 14 Uhr nur noch zuhause saßen und damit nicht einmal am Vormittag die Möglichkeit bekamen sich anständig zu bewegen. Und apropos Strand säubern: Mit den Menschen die nicht mehr an den Strand kamen, war der Strand auf einmal voll mit Plastik. Das mag daran liegen, dass die Müllsammler ja nun auch nicht mehr am Strand unterwegs waren und dadurch immer mehr Plastik aus dem Meer angeschwemmt wurde, auch bedingt durch die heftige Tide am Ende meiner Zeit (bei Hochwasser reichte das Wasser an einigen Tagen bis zur Strandpromenade – die normalerweise durch einen ca. 50 Meter langen Strandabschnitt vom Meer getrennt war) und den bis zu drei Meter hohen Wellen. 

Daher habe ich mir eine andere Beschäftigung gesucht, beziehungsweise hat sie mich gefunden. Durch Zufall habe ich einen Artikel eines Deutschen gelesen, der in einer regionalen Zeitung einen „Hilferuf aus Ecuador“ gesandt hat. Darauf gekommen bin ich, weil ich auf der verzweifelten Suche nach Nachrichten über Ecuador „von draußen“ bei Google nach „Nachrichten Ecuador“ gesucht habe – und mir dieser Artikel empfohlen wurde. Da stellte sich heraus, dass ein anderer Deutscher in Ecuador Hilfsaktionen für die Stadt plant, in der er lebt und dafür auf der Suche nach Spenden ist. Und um welche Stadt ging es? Richtig, er lebt in Playas! Also habe ich ihn kurzerhand angeschrieben, ob er denn für seine Aktionen noch Unterstützung brauche und nach einem kurzen Treffen war ich dabei. So beschäftigte ich mich nun vormittags öfters mit diesen Hilfsaktionen, mit dem Packen von Essenskisten, dem Verteilen Jener und dem Einkaufen der Lebensmittel. Dadurch hatte ich wenigstens ein bisschen das Gefühl, etwas für die Leute in Playas machen zu können, die sich einer brutalen wirtschaftlichen Krise gegenüber sahen. Am Ende meines Eintrages hier werde ich auch nochmal den Spendenaufruf anhängen, den ich geschrieben habe, die Hilfsaktionen laufen immer noch und sind immer noch auf Spenden angewiesen. Als ich mich dann entschloss nach Hause zu fliegen, hat sich bei mir irgendwas geändert. Sonst war ich immer ganz froh noch in Playas zu sein, ich habe mir meine Situation ganz schön geredet, glaube ich: in Playas ist es immerhin schön warm, ich hatte das Meer und mein Surfbrett und ich konnte viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbringen – was meinem Spanisch ziemlich gut getan hat. Aber sobald ich wusste, dass es bald nach Hause geht, habe ich mich immer mehr darauf gefreut… Vor allem darauf, ein eigenes Zimmer zu haben, ein Klo mit Tür statt mit Vorhang, einen Computer, ein Handy, wieder Milkaschokolade und leckeren Käse essen zu können und tatsächlich darauf, wieder mal unter einer „richtigen“ Decke zu schlafen, statt unter einem Bettlaken wegen der Hitze – wobei es mir an Abkühlung jetzt auch wieder reicht, es darf gerne wieder richtig warm werden (man halt wirklich immer was zu meckern). Jedenfalls bin ich jetzt wieder hier und habe mich soweit schon ganz gut eingelebt, sofern das geht wenn man zwei Wochen im Haus verbringt. Meine schöne braune Farbe habe ich damit leider auch schon fast verloren, aber das ist ja auch nur eitel. Die Zeit in Ecuador war wohl das Bereichernste was ich bisher in meinem Leben getan habe und es hat mir die Augen geöffnet, in welchem Luxus wir leben, wie froh wir eigentlich sein können, uns keine Gedanken machen zu müssen, wie wir morgen unsere Familien ernähren, sondern uns auf Milkaschokolade, Käse und Türen statt Vorhängen freuen dürfen (da fällt mir gerade ein: wo kommt eigentlich der Kakao für die Milka her?? Och neeeee….). Und es hat mir gezeigt, dass man auch ohne diesen Luxus – oder gerade deswegen – sehr glücklich sein und ein erfülltes Leben haben kann, dass man manche Sachen einfach mal tranquilo angehen muss und fünf Minuten vor der Zeit tatsächlich deutsche Pünktlichkeit ist (ich kam mir schon schlecht vor, wenn ich eine Viertelstunde zu spät kam, aber manchmal hat man dann trotzdem noch eineinhalb Stunden auf seine ecuadorianischen Freunde gewartet). Ich habe viele interessante, tolle, herzliche Leute kennen gelernt, den Himmel von der anderen Seite der Erdkugel betrachtet und was musste ich feststellen? Da waren ja genau dieselben Sternbilder wie auch hier, vielleicht ein bisschen gedreht aber letztendlich derselbe Himmel. Ich habe spanisch und surfen gelernt (wobei ich beides nicht flüssig beherrsche) und bestimmt noch so viele Sachen, die mir jetzt nicht bewusst sind oder nicht einfallen. Und ich bin wirklich froh, dass ich diese Zeit mit so tollen Menschen teilen durfte (wie Dir zum Beispiel 😉 ). Joa, das wars erstmal mit meinem Blog, ich hoffe, der letzte Eintrag war jetzt nicht zu anstrengend, durch die emotionale Einleitung, aber manchmal muss es halt auch mal anstrengend sein. Dass ich diese ganze Sache erleben durfte, ist eigentlich nur möglich gewesen, weil es Menschen gab, die mir das ermöglicht haben. Bei denen möchte ich mich von ganzem Herzen bedanken, ihr habt mir eine unvergessliche Erfahrung geschenkt und ich hoffe, ich konnte etwas davon weitergeben – vor allem natürlich meinen Schülern im Cacique. 

Hasta muy pronto (ojalá), Aaron.

PS.: Ich werde vermutlich demnächst noch eine Dropbox erstellen, in der ich einige Fotos und Videos veröffentlichen kann, den Link findet ihr dann hier auf meinem Blog 🙂

Spendenaufruf:

Ich bin immer noch in Ecuador und das Leben hier steht still – spätestens ab 14 Uhr, denn ab da ist Ausgangssperre. Für die Zeit davor habe ich inzwischen eine sinnvolle Beschäftigung gefunden (neben Essen, Schlafen, Surfen und Schwimmen): durch Zufall habe ich Jörg kennengelernt, der seit Jahren in Playas lebt und arbeitet (lange Zeit fürs Rote Kreuz, inzwischen in der Tourismusbranche) und derzeit mit einigen Einheimischen Hilfsaktionen organisiert. Letzten Dienstag haben wir die ersten 50 Tüten mit Seife und Grundnahrungsmitteln gepackt, die wir morgen in zwei Barrios an bedürftige Familien verteilen. Und bedürftige Familien gibt es auch in Playas eine ganze Menge, Viele müssen sich Sorgen machen, ob sie morgen ihre Familien noch versorgen können, die Einnahmequellen aus Strandverkäufen oder Restaurants fallen aus (Playas lebt zu 80-90% vom Tourismus). Deshalb brauchen die Leute hier Unterstützung. Aber die Nahrungsmittel gibts natürlich auch nicht gratis, deshalb hat Jörg schon vor einiger Zeit ein Spendenkonto erstellt:

https://www.paypal.com/pools/c/8oupeUk4GC

(PayPal Moneypool)

Es ist schlimm zu sehen, wie diese Krise diejenigen am meisten trifft, die sowieso schon wenig haben. Helft uns, die Leute hier zu unterstützen, jeder Euro hilft – mit 5€ kann man bereits eine Canasta (=Tüte mit Grundnahrungsmitteln) zusammenstellen. Und teilt was das Zeug hält!

Wer Fotos von der Aktion sehen möchte oder sich weiter informieren will:

https://ecuadorhilfe.jimdofree.com 

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