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Tagebucheintrag 13.04.2020

Hier gibt es einen kleinen Tagebucheintrag relativ vom Anfang der Isolation:

Tagebucheintrag vom 13. April 2020

Ich bin heute von Schüssen geweckt worden. Nicht weit von unserem Haus muss jemand mit einer Pistole geschossen haben. Das hat mir natürlich erstmal einen kleinen Schrecken eingejagt, ich habe ja vorher noch nie Schüsse gehört. Auch die Reaktion meiner Gastmutter im Nachbarbett hat mich nicht besonders beruhigt. Sie hat direkt den anderen im Haus zugerufen „No salgan, no salgan, quédense!“ (Geht nicht raus, geht nicht raus, bleibt drin!) und die Polizei angerufen… Und das zum Ostermontag! Bisher weiß noch niemand, wer das war und ob jemand zu Schaden gekommen ist [offensichtlich war das alles aber nur halb so wild]. Und wo wir gerade bei Ostern sind: Davon habe ich so gut wie gar nichts mitbekommen, außer dass Karfreitag von meiner Gastfamilie und den Nachbarn ein paar Kerzen an den Straßenrand gestellt wurden. Irgendwie hat das eine besondere Stimmung gemacht, dazu lief bei den Nachbarn stimmungsvoller Christkuschelrock. Leider nicht nur bei den einen Nachbarn, sondern auch bei den anderen. Und weil auf der einen Seite die Musikbox so laut war, dass die ganze Nachbarschaft beschallt wurde, wurde auf der anderen Seite noch mehr aufgedreht – so dass das gesamte Barrio (kleines Stadtviertel) was davon hatte. Nach drei Stunden wurden schließlich alle Beteiligten von diesem interessanten Musikmix befreit. Leider fiel auch genau in diese Zeit das Michael Bublé Konzert, das im Fernsehen ausgestrahlt wurde und auf das ich mich schon seit einer Woche freute. Den Fernseher auf voller Lautstärke hat man auch mit dem besten Willen leider keinen Ton des Konzertes gehört. Stattdessen immer mehr Christkuschelrock mit eintönigen Texten (meistens ging es um Jesus… Überraschung!) und eintönigen Melodien.

Tja, wie ist die Lage ansonsten hier? Ich bekomme verhältnismäßig wenig mit, von meiner Gastoma höre ich täglich von Freunden und Bekannten, die am Coronavirus erkrankt oder gestorben sind. Vor einiger Zeit ist bereits im Guasmo in Guayaquil – dem am heftigsten betroffenen Stadtviertel in Ecuador – der dort zuständige Projektkoordinator für das Guasmo-Projekt von Musiker ohne Grenzen dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Marcos war 34 Jahre alt und seit mehr als 12 Jahren mit meiner Gastoma Pilar befreundet. Der Tag an dem er starb und Pilar Nachricht davon bekam war schlimm. Und so sterben nach und nach immer mehr Freunde der Familie. Ich kenne davon die wenigsten, auch Marcos kannte ich kaum, obwohl ich wenige Tage vor seinem Tod mit ihm telefoniert habe – das erste und einzige Mal, dass ich persönlich Kontakt zu ihm hatte. Aber für meine Gastfamilie sind das gerade sehr schwere und schlimme Zeiten, in denen der familiäre Zusammenhalt wichtiger ist denn je. Was im Fernsehen erzählt wird, kann man kaum glauben. Die offiziellen Zahlen können nicht stimmen , allerdings werden hier zurzeit auch nur etwa 1500 Tests am Tag gemacht, da die Kapazitäten nicht ausreichen. In Guayaquil liegen die Leichen tagelang in den Häusern oder auf den Straßen bevor sie abgeholt werden, Menschen stehen in langen Schlangen vor den Krankenhäusern, um auf die Leichen ihrer verstorbenen Angehörigen zu warten, sich testen zu lassen oder selbst eingeliefert zu werden. Den Sauerstoff dafür müssen sie selbst mitbringen, ist aber so teuer, dass viele gar nicht erst ins Krankenhaus gehen – und dann zuhause versterben. In den Krankenhäusern herrscht außerdem eine katastrophale Situation hinsichtlich der Hygiene. Das Fernsehen zeigt Krankenhausmitarbeiter, die unter Tränen erklären, dass es nicht genügend Hygieneausrüstung für die Pfleger und Ärzte gibt, die Gesichter sind dabei geschwärzt, da man wegen solcher „Enthüllungen“ schnell mal seinen Job verlieren kann. Der Kurs der Regierung (mit öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen, wie Desinfektion der Straßen oder Desinfektionsduschen am Eingang von Supermärkten) wird kaum kritisiert, was auch mit der Angst der Leute zusammenhängt, den Job zu verlieren. Dabei werden Korruptionsskandale aufgedeckt (z.B. der Ankauf von Leichensäcken für 50$ pro Stück – statt der 10$ die ein Sack wert ist), die Bevölkerung abgezockt (abhängig vom Gehalt sollten die Ecuadorianer eine Art „Coronasteuer“ zahlen – was sich die meisten gar nicht leisten konnten, angesichts der sowieso schon schrecklichen Wirtschaftslage – dieses Gesetz wurde jedoch zwei Monate nach der Einführung wieder gekippt) und das Grundgesetz missachtet (Budgets der Universitäten wurden dramatisch gekürzt – sodass Jene ihre Lehrkräfte nicht mehr bezahlen können und um die Fortsetzung des Unibetriebs bangen – trotz des ecuadorianischen Grundgesetzes, das besagt, dass die Bildung unantastbar ist) – und das alles vor den Augen der Bevölkerung, die sich nicht traut, offen gegen diese Sachen zu demonstrieren. Alle paar Tage richtet sich der (laut meiner Gastfamilie auch durch Korruption gewählte) Präsident des Landes Lenín Moreno mit kämpferischen Ansagen an die Ecuadorianer. Dabei erklärt er die gute Wirksamkeit, der bereits getroffenen Maßnahmen, dass man nicht auf eine Pandemie vorbereitet gewesen sei, dass man diesen Krieg nur gemeinsam gewinnen könne und dass er sich dieser Aufgabe mit ganzem Herzen widme, so wie er es bei Amtsantritt geschworen hätte. Untermalt werden die Worte mit Kampfsprüchen wie „Juntos sí podemos“ (Gemeinsam schaffen wir es), „Seperados pero juntos“ (getrennt aber gemeinsam) oder „Sí se puede“ (Ja, man kann!). Auf mich wirkt das alles sehr populistisch und eher öffentlichkeitswirksam. Die Unterstützung des Staates ist in Playas jedenfalls nicht zu spüren.

Schlimm ist auch, wie viele Firmen und Marken diese Situation zu Werbezwecken ausnutzen. Da gibt es auf einmal eine ganze Menge „Mittelchen“, die ganz toll gegen das Coronavirus helfen – oder zumindest vor der Ansteckung schützen sollen. Wie beispielsweise das Meersalz-Nasenspray mit Meersalz von der französischen Atlantikküste, welches von einer der bekanntesten ecuadorianischen Fernsehfrauen angepriesen wird, ausdrücklich als Präventionsmittel gegen das Coronavirus. Oder verschiedene Vitamin-C Präparate. Zwischendurch werden emotionale Videos eingeblendet unterlegt mit dramatischer Musik, die all die Alltagshelden in dieser Krise bei der Arbeit zeigen – mit dem anschließenden Spruch „Und wir kleiden alle diese Menschen ein – ‚Klamottenmarke'“. Irgendwie wird selbst aus so einer Krisensituation versucht, Profit zu schlagen, das macht mich traurig. Aber genug davon…

Die konkrete Situation in Playas sieht derzeit so aus: Wir haben von 14 – 5 Uhr Ausgangssperre, das bedeutet, in dieser Zeit darf sich niemand außerhalb des eigenen Hauses aufhalten. Strafe bei Nichtbeachtens: bis zu 3 Jahre Gefängnis. Bis 14 Uhr darf man das Haus verlassen, allerdings nur um notwendige Einkäufe zu tätigen oder zum Arzt zu gehen, viel mehr kann man aber auch nicht tun, da ansonsten alle Läden geschlossen sind. Es fahren weder Stadtbusse noch überregionale Busse und wenige Taxis oder Tricimotos (die typischen dreirädrigen Gefährte in Ecuador). Das liegt daran, dass an bestimmten Tagen nur gewisse Fahrzeuge zirkulieren dürfen – abhängig von der Endziffer ihres Nummernschildes (Montags mit der Endziffer 1 und 2, Dienstags mit der Endziffer 3 und 4 und so weiter… Samstag und Sonntag dürfen nur Fahrzeuge mit Sondergenehmigung fahren). Auch an den Strand zu gehen ist verboten, trotzdem lasse ich mir das nicht nehmen, um spazieren, surfen oder baden zu gehen [in den letzten Wochen, also vor allem im Monat Mai, fuhr die Polizei und das Militär regelmäßig am Strand Patrouille und schickte noch die wenigen Menschen nach Hause, die ihrer Isolation zu entfliehen versuchten]. Mit rund um die 27 Grad jeden Tag und praller Sonne ist das Wetter auch viel zu schön, als es nicht zu nutzen. Im Alltag kommt es zudem gelegentlich zu ganz witzigen Konstellation innerhalb der Familie, hier ein kleines Beispiel: Ich, stehe am Herd und mache Kartoffelchips. Ich habe darin eine Beschäftigung gefunden die mir auf merkwürdig befriedigende Art und Weise das Gefühl gibt, produktiv zu sein. Neben mir mein 11-jähriger Gastcousin Bryan, der quasi in Echtzeit die gerade gemachten Chips futtert. Dadurch bleibt mir leider nur die halbe Freude des Chipsmachens, in den Genuss selber komme ich nicht. Meine Lösung dafür: Einfach so viele Chips machen, dass mein Cousin gesättigt ist und danach noch genügend Chips für mich selbst bleiben. Da Bryan allerdings sehr ausdauernd ist was das Chips essen angeht, stehe ich nun also ca. 2-3 Stunden in der Küche und muss mir zunehmend Kommentare von meiner Gastfamilie anhören. Irgendwie kommen wir trotzdem beide auf unsere Kosten: wir sind für rund 3 Stunden beschäftigt, immerhin 3 Stunden weniger der Langeweile.

Außerdem spielen wir inzwischen fast jeden Abend. Bryan gewinnt so gut wie immer. Laut Melvis war das auch schon bei den anderen Freiwilligen so, Bryan hat immer gewonnen. Das liegt an seinem außergewöhnlichen Talent fürs mogeln, in der Familie wird er deswegen „Mentiroso“ (Lügner) oder „Tramposo“ (Betrüger) genannt. Bei der ersten Runde Mensch-ärger-dich-nicht habe ich bereits gemerkt warum. Mittlerweile kann ich Mensch-ärger-dich-nicht und Rummikub (die einzigen beiden Spiele, die meine Gastfamilie besitzt) nicht mehr sehen, deshalb bin ich hochmotiviert in den Supermarkt gestiefelt, um ein neues Spiel zu kaufen (irgendwas Tolles, sowas wie „Die Siedler von Catan“ oder „Risiko“ oder „Monopoly“, worauf die hier total stehen), wo mich dann die Spielpreise aus den Socken gehauen haben. Risiko für 60$, die billigste Verison von Monopoly für 25$. Es wurde dann Uno in der Ecuadorversion, nach der 10. Runde stellte ich diese Entscheidung jedoch auch wieder infrage… Das nächste Mal also doch Monopoly. Übermorgen „feiern“ wir dann einen Monat Ausgangssperre was für mich gleichzeitig bedeutet „einen Monat alkoholfrei“. Zur Feier des Tages werde ich mir wohl mal ein Bierchen gönnen.

Ergänzung: Eine Woche nach diesem Eintrag wurden neue Todeszahlen veröffentlicht. Waren es zu diesem Zeitpunkt noch ungefähr 900 Tote in ganz Ecuador, wurde eine Übersterblichkeit von mehr als 6000 Toten in den ersten 14 Tagen des Monats April alleine in der Provinz Guayas (zu der auch Guayaquil und Playas zählen) festgestellt. Bis zuletzt wurde diese Zahl jedoch nicht als offizielle Zahl angenommen, nach wie vor gibt es offiziell bisher ca. 3000 Tote in ganz Ecuador und um die 35.000 Infizierte. Erst vor einigen Tagen wurde vom offiziellen Sender Ecuavisa jedoch ein Artikel veröffentlicht, in dem es heißt, dass vermutlich bereits 50% der Bevölkerung von Guayaquil am Coronavirus erkrankt war – das wären um die 1,1 Millionen Menschen.

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