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Musik ohne Grenzen – der unterricht im kulturzentrum

Ich bin jetzt schon seit über fünf Monaten in Playas und meine Unterrichtszeit geht langsam zu Ende. Deshalb möchte ich mal ein bisschen etwas über den Alltag im Casique Tumbalá (das Kulturzentrum von Playas), in dem das Projekt „Ola Sinfonica“ Raum zum musizieren findet, erzählen.
Jeden Morgen um 10 kommen wir alle nach und nach ins Casique. Die Schüler lassen dann meistens noch ein paar Minuten auf sich warten, denn Pünktlichkeit wird hier nicht gerade groß geschrieben. Je länger man hier ist, desto mehr übernimmt man diese Einstellung auch.
Unsere Schüler sind aus allen Altersgruppen, von Kindern bis zu Senioren. Über ihre finanzielle Lage weiß ich selbst nicht Bescheid, aber es gibt auf jeden Fall auch Schüler, bei denen es nicht an Geld mangelt. Der Sinn des Projektes in Playas liegt viel eher darin etwas Kultur in die Stadt zu schaffen. So gut wie das einzige Freizeitangebot in Playas ist eben das Kulturzentrum, in dem neben unserem Musikunterricht auch Mal-, Tanz-, und Bastelkurse angeboten werden, während der Sommerferien hier außerdem Englischunterricht und Mathekurse.
Demnach ist es immer auch sehr laut, da es wenig Räume gibt und nur Gesang, Schlagzeug und Klavier drinnen unterrichten konnten. Geige, Saxophon und Gitarre werden immer auf dem Hof unterrichtet, was Lautstärketoleranz für uns und die Schüler erfordert, wenn gleichzeitig noch ein Tanzkurs mit lauter Musik stattfanden oder Bastelkurse mit herumrennenden Kindern, die auch neugierig beim Unterrichten zugeschaut haben oder wenn abends Doris, die amerikanische Trompetenlehrerin auch auf dem Hof unterrichtete. Daran haben wir letztendlich aber gesehen, dass es auch unter nicht optimalen Bedingungen klappen kann und die Schüler trotzdem lernen und Spaß haben.
Das ganze Jahr über gibt es außerdem noch Gitarrenunterricht in der Gruppe, der von Roberto gegeben wird, einem blinden Lehrer, der schon seit Langem unterrichtet.
Der Großteil der Kurse ist so wie unser Unterricht kostenlos, weswegen die Nachfrage auch sehr hoch ist.
Ich habe im Moment etwa 30 Schüler, von denen etwa 25 wirklich regelmäßig kommen. Gerade in der Zeit der Sommerferien fragen immer wieder Leute nach, ob sie auch Unterricht haben können, was uns bereits an unsere Grenzen gestellt hat.
Bei der Eröffnung der Ferien wurden wir, Roberto und eine Englischlehrerin im Rahmen einer großen Veranstaltung vorgestellt. Anschließend durften sich die Anwesenden für verschiedene Kurse anmelden, sodass am Ende auch diejenigen von uns, die vorher eher wenig Schüler hatten, dann einen prall gefüllten Stundenplan und eine Warteliste hatten.
In Playas fühlt man sich ein bisschen abgeschottet von vielem, was in der Welt passiert. Man hat das Gefühl, die Leute leben noch ein paar Jahre früher und moderne Entwicklungen und Denkweisen kommen später an als in den Großstädten Ecuadors. Viele Menschen leben ihr ganzes Leben in Playas, an Arbeitsplätzen mangelt es, weswegen sich viele Menschen langweilen und der Lebensstandard auch eher niedrig ist. In Deutschland lernen viele Kinder ein Instrument, hier kommt das so gut wie gar nicht vor. Instrumentalunterricht gibt es selten und wenn dann teuer in Großstädten. Die Freude über unseren Unterricht ist dementsprechend groß.
Das musikalische Niveau ist im Durchschnitt niedriger als in Deutschland, was vermutlich daran liegt, dass in Schulen und Kindergärten weniger auf musikalische Bildung wert gelegt wird.
Gleichzeitig gibt es auch sehr begabte Schüler, die einen immer wieder aufs Neue überraschen.
Allgemein geht die musikalische Entwicklung auch langsamer voran, da der Großteil der Schüler kein Instrument zu Hause hat und deshalb nur ein bis zweimal in der Woche beim Unterricht spielt. Wenn die Schüler wollen, können sie auch zum Üben ins Kulturzentrum kommen, vorausgesetzt, es ist zu der Zeit ein Instrument frei. Wirklich genutzt wird dies aber nicht von vielen Schülern, da auch die Fahrt ins Casique Geld kostet.
Das Unterrichten an sich ist insgesamt sehr abwechslungsreich, da jeder Schüler auf einem anderen Stand ist, ein anderes Alter hat und verschieden schnell lernt. Selbst die Grundlagen, die jeder Anfänger lernen muss, musste man jedem Schüler anders beibringen.
Ich habe eine Schülerin, die noch zu klein war, um das Noten lesen zu können, aber sich die verschiedenen Tasten gut mit Namen merken kann.
Eine andere Schülerin kann schon ganz gut Klavier spielen und hat mich dann im Laufe der Zeit immer wieder überrascht, da sie die Lieder recht schnell gelernt hat. Das einzige, was ihr fehlt, ist die Übung, da sie kein Instrument daheim hat.
Diese Schülerin hat mir als ich die Sprache dann besser konnte, auch angefangen, persönliche Sachen zu erzählen und mich sogar nach der Meinung zu einem Buch, das sie angefangen hat, zu schreiben, gefragt.
Eine andere noch junge Schülerin hat auch das Notenprinzip nicht verstanden und konnte sich auch auswendig nur sehr schwer etwas merken und war auch immer sehr ruhig. Als ich ihr dann aber den Flohwalzer vorgespielt habe, hat sie angefangen zu strahlen und war super motiviert, ihn zu lernen. Dass sie ihn dann das erste Mal fehlerfrei und am Stück spielen konnte, hat zwar sicher fünf volle Unterrichtsstunden beansprucht, danach waren wir beide aber stolz.
Ich habe auch eine 10-jährige Geigenschülerin, die immer total motiviert zum Unterricht kam und begeistert von der Geige war und mit der ich dann auch wirklich weit kam. Ihr gleichaltriger Onkel lernt Klavier und will Pianist werden.
Ein kleiner Schüler hat mich immer wieder vor Herausforderungen gestellt, da er zwar immer sehr zuverlässig zum Unterricht da war, aber seine Konzentration, sein Verständnis und auch seine Motivation immer so niedrig waren, dass ich mir jede Stunde neue musikalische Spiele ausgedacht habe, ohne wirklich einen Fortschritt festzustellen.
Ein Schüler, der auch Saxophon spielt, kam in die erste Unterrichtsstunde und hat mir Für Elise und die Mondscheinsonate vorgespielt. Er hatte schon einmal Unterricht, aber vieles hat er sich selbst auf dem Keyboard, das er daheim hat, beigebracht. Da er nah am Casique wohnt, kann er auch immer zum Üben auf einem richtigen E-Piano kommen. Da er schnell lernt und ein gutes Gehör hat, geht der Unterricht mit ihm über das reine Töne lernen hinaus und wir haben sogar an musikalischen Gestaltungsmitteln gearbeitet.
Während der Ferien habe ich auch mehrere Schüler gleichzeitig unterrichtet, da die Nachfrage so hoch war. So kann man zwar weniger das Augenmerk auf einen einzelnen Schüler legen, gleichzeitig lernen sie aber, zusammen zu musizieren und gegenseitig auf sich zu hören. Zwei Schüler, die sich nicht kannten und die ich auch nur eine Stunde hatte, haben auch unterschiedlich schnell gelernt. Der Unterschied war nicht groß, aber schon merkbar, was sicher auch daran lag, dass das Mädchen ein bisschen älter war als der Junge. Als dann beide etwas nachspielen sollten, wollte das Mädchen den Jungen immer verbessern, was für ihn sicher etwas erniedrigend war. Man hat leicht gemerkt, wie die beiden etwas miteinander konkurriert haben, obwohl sie trotzdem immer sehr nett zueinander waren. Was mich am Ende der Stunde überrascht hat, war, dass sie von alleine angefangen haben, zusammen zu improvisieren und gut aufeinander gehört haben.
Bei fast allen von uns hatte eine venezolanische Familie Unterricht. Die Familie war immer sehr zuverlässig und interessiert und hat uns öfters Süßigkeiten mitgebracht.
Auch in den Ferien waren immer wieder zwei kleine Schwestern und ihre Freundin im Casique, haben sich mit mir unterhalten und erzählt, dass ihre Mutter lieber will, dass sie Mathe machen, obwohl sie das Klavier total toll finden und wissbegierig waren. Die kleinere Schwester stand immer, wenn ich Schüler hatte, die ganze Unterrichtsstunde in der Tür und hat mit leuchtenden Augen zugesehen. Als ich dann eine halbe Stunde in meinem Stundenplan frei hatte, weil andere Schüler nicht gekommen sind, habe ich die drei eingetragen. Als ich ihnen erzählt habe, dass sie jetzt auch Klavierunterricht haben können, ist die kleinste mir erst einmal vor Freude um den Hals gefallen. Da das Casique dann aber an einigen Tagen geschlossen hatte, konnten wir kaum Stunden machen.
Neben unserem Instrumentalunterricht machen wir gleichzeitig noch ein Mal in der Woche Chor und ein Mal Theorieunterricht.
Ziemlich am Ende meiner Unterrichtszeit hatten wir ein Konzert geplant, auf das wir uns alle ziemlich gefreut haben. Ich ganz besonders, da ich beim letzten Konzert erst so kurz da war und so viele Anfänger hatte, dass ich nur einen Schüler hatte, der in der Lage war, vorzuspielen und auch wollte. Das Konzert musste dann leider aufgrund von Corona ausfallen. Die Unterrichtszeit wurde ein bisschen abrupt beendet, von meinen Schülern konnte ich mich leider auch nicht verabschieden und auch das Projekt ist erstmal pausiert. Trotzdem habe ich die Zeit positiv in Erinnerung und bin dankbar diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.

 

das Kulturzentrum „Casique Tumbalá“, in dem wir Unterricht geben
Tanzkurs
Vorbereitungen für ein Konzert
Nach dem Konzert mit allen Schülern, Lehrern (und auch ein paar Zuschauern)
Tag der offenen Tür des Casiques im Stadtzentrum
Theorieunterricht
Zu Besuch in einer Schule in Porsorja..
Weihnachtsparade mit Doris und den Schülern
Kleines Konzert am Weihnachtsbaum mit Strandkulisse
Weihnachtskonzert im Einkaufszentrum
Urkundenverleihung für die Schüler
beim Unterrichten
Geschenk von kleinen Schülerinnen
Eröffnungsveranstaltung des Ferienangebotes

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